❷ Moorbauern und Hollandgänger

Ermutigt von Havekosts Vorbild wagen sich weitere Pionier-Siedler in die unwirtliche Gegend. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Richtungen: Harpstedt, Celle, Edewecht, Wüsting oder „aus dem Hannöverschen“ – womit unter anderem Ortschaften wie Bassum oder Syke gemeint sind, die bis 1866 zum Königreich Hannover und danach zu Preußen gehören. Letztere werden offenbar gezielt von einem „Gemeinheitscomissair Niebour“ aus Hannover angeworben. Einige Neuankömmlinge hausen zunächst in einfachen Erdhütten, andere tun es Havekost nach und kaufen in den Nachbardörfern zum Abbruch freigegebene Häuser, die sie demontieren und vor Ort wieder aufbauen. Da die meisten Hofgebäude jener Zeit aus Fachwerk errichtet sind, ist dies relativ problemlos möglich.

Die wichtigste Aufgabe der folgenden Jahrzehnte besteht darin, das Moor urbar zu machen. Wie das mit Hilfe der sogenannten Brandkultur vonstattengeht, beschreiben Edo und Carmen Otte in der Hemmelsberger Chronik: „Dabei wurde die oberste Moorschicht mit der Hacke zerkleinert und wenn sie abgetrocknet war, angezündet und verbrannt. Das war eine anstrengende und unangenehme Arbeit, denn um den Brand in Gang zu halten mussten die Bauern im dichten Rauch, der ständig in den Augen brannte, auf dem Feld mit der Hacke die Torfstücke bewegen. Der Qualm verdunkelte oft den ganzen Himmel bis weit nach Oldenburg hinein.“ In die durch den verbrannten Torf zurückgebliebene Asche säen die Bauern dann Buchweizen.

Ähnlich wie im übrigen Moorhausen können anfangs auch die Hemmelsberger Siedler nur selten von den Erträgen ihrer Höfe allein leben. Viele üben noch ein Handwerk aus oder bessern als Tagelöhner oder Hollandgänger ihr Einkommen auf. Die Frauen wiederum spinnen und weben im Winter Wolle und Leinen. In den Ställen findet sich nur selten mehr als eine Kuh sowie einige Schweine und eine Schar Hühner. Nicht wenige Dorfbewohner suchen daraufhin mit ihren Familien ab Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Heil in der Auswanderung nach Nordamerika.

Erst der Einsatz von Kunstdünger verbessert zu Beginn des 20. Jahrhunderts ganz allmählich die Situation der örtlichen Bauern. Die Zahl der Einwohner steigt, was 1913 die Einrichtung einer eigenen Dorfschule nötig macht. Wegen der guten baulichen Substanz und weil akuter Lehrermangel herrscht, werden in Hemmelsberg während des Ersten Weltkriegs zeitweise auch die Kinder aus dem älteren Teil Moorhausens mitunterrichtet.