Adolf Meyer – Biographie

Adolf Meyer wird am 28. Juni 1916 als eines von mindestens vier Kindern von Gerhard Meyer und Adeline Meyer in Kühlingen geboren. Er ist der jüngere Bruder von Diedrich Meyer, Bernhard Meyer und Karl Meyer.

Am Tag von Adolfs Geburt jährt sich das Attentat von Sarajevo zum zweiten Mal. Die tödlichen Schüsse des serbischen Nationalisten Gavrilo Princip auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand lösen 1914 eine diplomatische Krise aus, die sich nicht mehr eindämmen lässt – vier Wochen später beginnt der Erste Weltkrieg. Anfang August 1914 marschieren deutsche Truppen durch das neutrale Belgien in Frankreich ein, um dort noch vor der vollständigen Mobilmachung Russlands eine Entscheidung zu erzwingen. So soll ein länger andauernder Zwei-Fronten-Krieg vermieden werden. Der Vormarsch gerät jedoch rasch ins Stocken. Nach der Schlacht an der Marne erstarrt die Westfront zu einem von der belgischen Nordseeküste bis zur Schweizer Grenze reichenden System aus Schützengräben.

An dieser Situation ändert sich bis Mitte 1916 nur wenig. Seit dem 24. Juni feuert die alliierte Artillerie nahezu ununterbrochen auf die deutschen Stellungen und verschießt dabei binnen einer Woche rund anderthalb Millionen Granaten. Am 1. Juli 1916 beginnt ein großangelegter Infanterie-Angriff, der die Schlacht an der Somme eröffnet. Sie gilt mit über einer Million getöteten, verwundeten und vermissten Soldaten als eine der verlustreichsten Schlachten des Krieges, führt aber keine Entscheidung herbei. Bis zum Herbst 1916 erzielen die Alliierten lediglich minimale Geländegewinne. Immerhin zwingt ihre Offensive die Gegenseite dazu, Truppen aus dem ebenfalls heftig umkämpften Gebiet von Verdun abzuziehen. Dadurch kann die französische Armee zuvor verlorengegangene Stellungen zurückgewinnen. Zwischen Februar und Dezember 1916 sterben rund um Verdun etwa 300.000 Soldaten, 400.000 werden verwundet.

Nach der Oktoberrevolution scheidet Russland Anfang 1918 aus dem Krieg aus. Die dadurch im Osten freiwerdenden Truppen ermöglichen im Frühjahr 1918 eine letzte deutsche Großoffensive an der Westfront. Ohne durchschlagenden Erfolg – mit dem Kriegseintritt der USA im Frühjahr 1917 haben sich die Gewichte dort unwiderruflich verschoben. Im Herbst 1918 geht für die Oberste Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass der Krieg militärisch verloren ist. Um die Armee aus der Verantwortung zu ziehen, bestimmt die neu einberufene Reichsregierung unter Max von Baden mit Matthias Erzberger bewusst einen Zivilisten zum Verhandlungsführer für die anstehenden Friedensgespräche. Sie münden in den am 11. November 1918 unterzeichneten Waffenstillstand von Compiègne, zwei Tage nach Kaisersturz und Ausrufung der Republik. Am 28. Juni 1919 – Adolfs dritter Geburtstag – beendet dann der Friedensvertrag von Versailles den Krieg ganz offiziell.

Wie Adolfs Familie in Kühlingen diese dramatische Phase der deutschen Geschichte erlebt und ob sein Vater als Soldat am Krieg teilgenommen hat, liegt heute im Dunkeln. Seine Eltern sind Heuerleute, verfügen also in Kühlingen über keinen Grundbesitz. Nebenbei arbeitet Vater Meyer noch als Pflasterer und Straßenbauer im Großraum Delmenhorst. Wohnsitz bleibt gleichwohl Kühlingen, wo Adolf acht Jahre lang die örtliche Volksschule besucht. Nach Schulabschluss und Konfirmation geht er auf einem Bauernhof in der Nähe von Adelheide in Stellung, auf dem zuvor schon sein Bruder Bernhard gearbeitet hat.

Sehr wahrscheinlich schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 (begünstigt durch die drei Jahre zuvor ausgebrochene Weltwirtschaftskrise, aber auch durch den von vielen Deutschen als zutiefst ungerecht empfundenen Versailler Vertrag) zieht es Adolf in die damals noch selbstständige Gemeinde Ofen bei Oldenburg. Dort bringt er fortan für die Bäckerei von Wilhelm Willms mit Pferd und Wagen Brot aus. Kost und Logis sind bei dieser Tätigkeit zwar inbegriffen, doch die Bezahlung ist vergleichsweise dürftig. Um seine Einsatzmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt zu vergrößern, tritt Adolf in die 1933 neu gegründete Freiwillige Feuerwehr Ofen ein. Das gibt ihm die Möglichkeit, den Kfz- und Motorradführerschein zu machen. Als er beides in der Tasche hat, bewirbt Adolf sich als Fahrer bei der Wäscherei Ahrens in Bloherfelde und wird prompt eingestellt.

Bei seinem neuen Arbeitgeber lernt Adolf Agnes Tabke aus Bakum kennen. Die sich bald darauf anbahnende Beziehung zur künftigen Ehefrau trifft in deren südoldenburgischer Heimat nicht unbedingt auf Gegenliebe: Agnes‘ Familie ist katholisch und ihre Eltern hegen gegenüber Protestanten ähnliche Vorurteile, wie sie in vielen protestantischen Familien in umgekehrter Richtung ebenfalls weit verbreitet sind. Nicht eben die besten Voraussetzungen für das junge Paar, das sich davon aber nicht auseinanderbringen lässt.

Die 1935 wiedereingeführte Wehrpflicht lässt Adolf nur die Wahl, entweder die Einberufung abzuwarten oder als Freiwilliger zumindest ein Stück weit Einfluss auf seine Verwendung in der Wehrmacht nehmen zu können. Als er sich aus diesem Gedankengang heraus als Zeitsoldat verpflichtet und im November 1938 in die Kaserne einrückt, ahnt er vermutlich nicht, dass weniger als zwölf Monate später ein neuer Weltkrieg losbrechen wird – ausgelöst durch den deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939. Zum Kanonier ausgebildet, wird Adolf nach dem erfolgreichen Frankreich-Feldzug ins besetzte Nachbarland abkommandiert und dort unter anderem als Lkw-Fahrer eingesetzt.

Adolf und Agnes heiraten 1942 während eines Fronturlaubs. Obwohl die zuvor von Blitzsieg zu Blitzsieg eilende Wehrmacht spätestens mit der Niederlage in der Schlacht von Stalingrad in die Defensive gerät und 1943 außer an der Ostfront auch in Afrika und in Italien den Rückzug antreten muss, bleibt es im Westen lange Zeit ruhig. Das ändert sich erst mit der alliierten Invasion in der Normandie im Juni 1944, in deren Folge Adolf Anfang 1945 in Gefangenschaft gerät. Ein gütiges Schicksal, wenn man bedenkt, dass in den letzten elf Monaten des Krieges ähnlich viele deutsche Soldaten ihr Leben verlieren wie in den knapp fünf Jahren zuvor. Und er hat ein zweites Mal Glück: Die französische Bauernfamilie, auf deren Hof Adolf bis zu seiner Entlassung 1948 arbeitet und die er Jahrzehnte später mehrfach besuchen wird, behandelt ihn gut. Keine Selbstverständlichkeit nach all den Gräueltaten, die in deutschem Namen im besetzten Europa begangen worden sind.

Erreicht Adolf vor oder nach der im Juni 1948 vollzogenen Währungsreform die Heimat? Eine Frage, die sich knapp 80 Jahre später wie so vieles andere nicht mehr exakt beantworten lässt. In jedem Fall ist die schlimmste Not der ersten Nachkriegsjahre vorüber, und in Oldenburg, das von größeren Zerstörungen verschont geblieben ist, geht das Leben bereits wieder seinen halbwegs normalen Gang. In diesem Umfeld und mit seiner Qualifikation als Kraftfahrer hat Adolf keine große Mühe, eine Anstellung zu finden. Zu den bedeutenden Arbeitgebern vor Ort gehört der Bus-Unternehmer Theodor Pekol, der mit Genehmigung der britischen Besatzungsbehörden eine schon in den 1930er Jahren aufgebaute Flotte an Oberleitungsbussen betreibt. Einen dieser im Volksmund Trolli genannten Busse steuert künftig Adolf. Ehefrau Agnes arbeitet derweil im Modehaus Leffers, als Verkäuferin in der Herrenabteilung. Domizil des kinderlos bleibenden Paares ist zu dieser Zeit eine Mietwohnung in der Ackerstraße.

Stets an einer Leitung hängend die gleiche Strecke abzufahren, das empfindet Adolf auf Dauer als eintönig. Da kommt es ihm zupass, dass Theodor Pekol 1951 ein Reisebüro eröffnet und gängige Ferienziele fortan mit regulären Bussen bedient. Für Adolf als einen Fahrer der ersten Stunde beginnt eine spannende Zeit, die ihn in den folgenden Jahren durch ganz Deutschland und in viele andere europäische Länder wie Dänemark, Schweden, Italien oder die Schweiz führt. Ohne Beifahrer, versteht sich, und selbstverständlich auch ohne Navigationsgerät. Das bereitet ihm jedoch keine Probleme. Straßenkarten lesen kann er seit seiner Militärzeit, Improvisieren ebenfalls. Und wenn es ihm doch einmal zu anstrengend wird, erinnern ihn die zwischenzeitlich immer wieder anfallenden Schichten auf dem Trolli daran, dass Letzteres keineswegs die bessere Alternative wäre.

Weil es Agnes nicht behagt, so oft allein zu sein, wagt Adolf 1961 noch einmal einen beruflichen Neuanfang. Er bewirbt sich als Fahrer bei der Polizeidirektion Oldenburg, wo er nach seiner Einstellung unter anderem Kommissare zu ihren Einsatzorten chauffiert. Eine oft hektische Tätigkeit, weshalb Adolf, als sich ihm die Gelegenheit bietet, in den Erkennungsdienst wechselt. Das ist Mitte der 1960er Jahre noch verhältnismäßig unbürokratisch möglich. In dieser am Pferdemarkt angesiedelten Abteilung bleibt er bis zu seinem Ruhestand, den er 1978 mit 62 Jahren antritt.

Zu diesem Zeitpunkt wohnen Adolf und Agnes bereits seit längerem in einer Mietwohnung im Schulweg, die einem ehemaligen Polizei-Kollegen gehört. Fast ebenso häufig wie dort sind beide jedoch in einer nahegelegenen Kleingartensiedlung anzutreffen, in der sie einen großen Teil ihrer Freizeit verbringen. Ein weiteres, gemeinsam mit Agnes betriebenes Hobby ist das Kegeln. Ganz vom Arbeiten kann Adolf aber trotz Ruhestand nicht lassen. So hilft er mehrmals in der Woche in der Buchhaltung der auf Arbeitsrecht spezialisierten Anwaltskanzlei Kreft & Wehage aus.

In den 80er Jahren gibt es in Adolfs Leben zwei bedeutende Einschnitte. Zunächst flattert Agnes und ihm die Kündigung ihres Mietverhältnisses wegen Eigenbedarfs ins Haus. Das führt zu der Entscheidung, nicht erneut zu mieten, sondern eine am Wittengang in Nadorst gelegene Eigentumswohnung zu kaufen. Der zweite, weitaus schwerere Schlag folgt im Februar 1985: Zwei Wochen vor ihrem 73. Geburtstag stirbt Agnes Meyer nach kurzer Krankheit.

Mit knapp 70 Jahren fühlt sich Adolf noch rüstig genug, um weiter allein in der Wohnung zu bleiben. Sich versorgen kann er sehr gut selbst – ist er doch Küchen- und Hausarbeit gewohnt, weil Agnes, als beide noch berufstätig waren, häufig später von der Arbeit nach Hause kam als er selbst. Auch seinen Kleingarten beackert er zunächst weiter wie bisher. Gleichzeitig intensiviert er den Kontakt zum engsten Familienkreis, der freilich überschaubar ist. Alle Brüder sind früh verstorben: Bernhard 1936 bei einem Verkehrsunfall, Diedrich als Soldat im Weltkrieg, Karl 1976 nach längerer Krankheit. Einen guten Draht hat Adolf zu Karls Sohn Erwin, der als selbstständiger Raumausstatter in Hemmelsberg lebt und ihn hin und wieder bei handwerklichen Arbeiten unterstützt. Mit Erwin und dessen Ehefrau Renate besucht Adolf nach dem Mauerfall im November 1989 mehrfach die ehemalige DDR, wo er sich insbesondere für die Geschichte und die verschiedenen Einrichtungen der Deutschen Volkspolizei und der Nationalen Volksarmee interessiert.

Seinen 80. und 90. Geburtstag kann Adolf noch bei vergleichsweise guter Gesundheit in den eigenen vier Wänden feiern. Doch irgendwann kommt der Moment, an dem er sich um einen Ortswechsel Gedanken machen muss. Nachdem er bereits 2006 freiwillig den Führerschein abgegeben hat, vermietet er drei Jahre später seine Wohnung und zieht zu Erwin und Renate Meyer nach Hemmelsberg. Dort steht ausreichend Platz für ihn bereit, denn die Kinder seines Neffen sind inzwischen aus dem Haus.

In Hemmelsberg erlebt Adolf seinen 95. und den 100. Geburtstag, den er mit einem Empfang für knapp 70 Gäste in der Gaststätte von Ursel Mehrings in Hurrel feiert. Trotz dieses hohen Alters bleibt Adolf geistig bemerkenswert rege. Auch körperlich hält er sich so gut wie eben möglich fit. Für längere Wege nutzt er in seinen letzten Lebensjahren einen Rollator, mit dem man ihn fast täglich durchs Dorf spazieren sieht. Bis eines Tages die Kräfte dafür dann doch nicht mehr ausreichen, so dass er sein Zimmer nur noch selten verlässt.

Adolf stirbt am 9. November 2017, einem abermals geschichtsträchtigen, mit Novemberrevolution, Reichspogromnacht und Mauerfall verbundenen Tag. Beerdigt ist er zwei Wochen später auf dem Friedhof der Auferstehungskirche in Nadorst.