Johann Christoph Tönjes – Biographie

Johann Christoph Tönjes wird am 22. September 1853 als erstes Kind von Johann Hinrich Tönjes und Catharina Tönjes auf dem elterlichen Hof in Hemmelsberg (heute: Karin und Helga Claußen) geboren. Er ist der ältere Bruder von Anna Rastede.

Zwei Tage nach Johann Christophs Geburtstag nimmt Frankreich die pazifische Inselgruppe Neukaledonien in Besitz. Dazu hisst Konteradmiral Auguste Fevrier-Despointes im Namen von Kaiser Napoleon III. bei Balade die Trikolore – ganz in der Nähe jener Stelle, an der 1843 eine Gruppe katholischer Missionare an Land ging und an der einst auch der britische Entdecker James Cook landete. Cook betrat die rund 750 Meilen östlich von Australien gelegenen Inseln 1774 als erster Europäer und gab ihnen ihren Namen, abgeleitet von der römischen Bezeichnung Caledonia für Schottland. Danach interessierte er sich aber nicht weiter für sie und segelte weiter.

Unmittelbar nach der Proklamation beginnt Fevrier-Despointes damit, in Balade eine Festung zu errichten. Danach erhält der Admiral aus Paris einen neuen Auftrag: Im Rahmen des zwischen Russland und dem Osmanischen Reich ausgebrochenen Krim-Kriegs, in den Frankreich und Großbritannien 1854 zugunsten der osmanischen Führung eingreifen, soll er an der später erfolglos abgebrochenen Belagerung des russischen Marine-Stützpunkts Petropawlowsk-Kamtschatski teilnehmen. Auf Neukaledonien treibt derweil der von Fevrier-Despointes zum Verwalter berufene Marineoffizier Louis-Marie-François Tardy de Montravel den Ausbau der Kolonie voran. Er verlegt den Verwaltungssitz noch im selben Jahr von Balade auf eine weiter südlich gelegene Halbinsel, wo er ein Fort bauen lässt und die Stadt Port-de-France gründet. Zudem führt Montravel Verhandlungen mit Vertretern der Ureinwohner, um die französische Herrschaft abzusichern. Der ursprüngliche Plan, auf Neukaledonien eine Strafkolonie einzurichten, wird erst 1864 umgesetzt.

In Europa nimmt kaum jemand die Kolonialisierung Neukaledoniens zur Kenntnis. Was nicht weiter verwundert, denn der bereits angesprochene Krim-Krieg – offiziell beginnt er am 16. Oktober 1853 mit einer Kriegserklärung des Osmanischen Reichs an Russland – zeichnet sich im Spätsommer 1853 bereits ab und zieht entsprechend Aufmerksamkeit auf sich. Obwohl das Großherzogtum Oldenburg, zu dem Johann Christophs Heimatdorf Hemmelsberg gehört, enge Beziehungen zu Russland unterhält, bleibt es wie die übrigen Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes neutral. Vor allem Österreichs Kaiser Franz Joseph I. blickt jedoch sehr genau auf den Konflikt – sieht die Habsburger-Monarchie in den kämpfenden Parteien doch Rivalen für eigene Macht-Ambitionen auf dem Balkan und rund um das Schwarze Meer.

Als der Krim-Krieg nach der Niederlage Russlands mit dem am 30. März 1856 geschlossenen Frieden von Paris endet, ist Johann Christoph zweieinhalb Jahre alt, Schwester Anna sechs Monate. Drei Monate vor Annas Geburt ist Großmutter Gesche Margarete Tönjes gestorben. An sie hat Johann Christoph deshalb später vermutlich keinerlei Erinnerung mehr. Mit Großvater Christoph hingegen – 1828 Begründer des Tönjes-Hofes – wächst er bis zu dessen Tod im März 1870 auf.

Sehr wahrscheinlich im Frühjahr 1860 wird Johann Christoph in die rund zwei Kilometer entfernte Volksschule Altmoorhausen eingeschult. Parallel dazu geht er seinen Eltern bei der Bewirtschaftung des Hofes zur Hand, über dessen konkrete Größe keine verlässlichen Daten mehr vorliegen. Wie auf den meisten Besitztümern im heutigen Hemmelsberg muss das Land jedoch erst mühsam urbar gemacht werden, und die Erträge sind oft mager. Gut möglich deshalb, dass Johann Hinrich und Catharina Tönjes bereits Anfang der 1860er Jahre über das Thema Auswanderung nachdenken – vielleicht inspiriert durch das Beispiel von mehr als einem Dutzend Familien aus den weiter nördlich gelegenen Dörfern Holle und Neuenhuntorf. Sie sind als Gruppe kurz nach Johann Christians Geburt über New York in den Mittleren Westen der USA emigriert und haben in Nebraska die fast ausschließlich von Deutschen besiedelte Ortschaft Hooper gegründet. Dort leben inzwischen auch einige ehemalige Bewohner von Hatterwüsting, dem Geburtsort von Johann Christophs Mutter Catharina.

Das erste Familienmitglied, das denselben Weg geht, ist Diedrich Tönjes. Der jüngere Bruder von Johann Christophs Vater verlässt Hemmelsberg im Mai 1866, unmittelbar vor Ausbruch des Preußisch-Österreichischen Krieges. Johann Christoph, mutmaßlich im Frühjahr 1868 konfirmiert und aus der Volksschule entlassen, erlebt in der Heimat noch den zwei Jahre später beginnenden Deutsch-Französischen Krieg und die damit einhergehende Ausrufung des Deutschen Reiches, entschließt sich aber 1872 ebenfalls zur Auswanderung. In Nebraska angekommen, arbeitet er zunächst auf der Farm seines Onkels, der sich mit seiner aus Hatterwüsting stammenden Ehefrau Margarete Meyer unweit von Hooper in der Ortschaft Scribner niedergelassen hat.

Die Trennung von den Eltern und Schwester Anna währt nur kurz. Begleitet von Johann Christophs siebenjährigem Vetter Heinrich Fastje überqueren im September 1873 auch sie den Atlantik und reisen nach der Landung in Baltimore weiter nach Nebraska. Gemeinsam bewirtschaftet die Familie daraufhin vier Meilen nordöstlich von Scribner eine Farm, deren Grundlage der schon bald nach der Ankunft abgewickelte Kauf von 65 Hektar Land aus dem Bestand der Eisenbahn-Gesellschaft Union Pacific bildet.

Ist Nebraska in den 1870er Jahren eine Art Schlaraffenland für Neusiedler aus der Norddeutschen Tiefebene? Das ganz sicher nicht, auch wenn der im Homestead Act verbriefte leichte Zugang zu Grundeigentum den Start in eine selbstbestimmte Zukunft enorm erleichtert. Doch ohne harte Arbeit bringt es hier niemand zu etwas, und ähnlich wie das Deutsche Reich leiden in der Mitte des Jahrzehnts auch die USA unter einer hartnäckigen Wirtschaftskrise. Die im Vergleich deutlich besseren Aufstiegschancen und die engen verwandtschaftlichen Beziehungen zu vielen Pionier-Siedlern lassen den Strom neuer Ankömmlinge aus dem Großherzogtum Oldenburg dennoch nicht abreißen. Deshalb dauert es nicht lange, bis die nächsten Verwandten vor der Tür stehen: zunächst im Frühjahr 1874 Johann Christophs Vetter Friedrich Christopher Stöver aus Hatterwüsting, im Juni 1878 dann dessen Eltern Diedrich Anton und Anna Margarete Stöver sowie deren zwei jüngste Töchter Catharine Sophie und Sophie Marie. Anna Margarete Stöver, die Zwillingsschwester von Johann Christophs Mutter, stirbt allerdings nur wenige Tage nach der Ankunft.

So tragisch das viel zu kurze Wiedersehen mit seiner Tante auch verläuft – die Ankunft ihrer Familie wird Johann Christoph zeitlebens als großes Glück empfinden. Denn es dauert nicht lange, bis er und Catharine Sophie Stöver (bei seiner Auswanderung 1872 ein junges Mädchen von zwölf Jahren) ein Paar sind. Das Eheversprechen geben sich die beiden am 10. Juli 1879 in der Bezirkshauptstadt Fremont. Schon im September 1879 kommt der erste gemeinsame Sohn Johann Heinrich zur Welt, dem im Januar 1881 Tochter Anna folgt und im August 1882 der zweite Sohn Diedrich. Vor der Geburt des dritten Sohnes George (März 1884) heißt es dann allerdings Abschied zu nehmen vom Erstgeborenen: Johann Heinrich Tönjes stirbt am 1. Juni 1883 aus heute nicht mehr bekannter Ursache.

Mit Sophie (Juni 1885), Johanne (Oktober 1886), Gesine (Juni 1889), Mathilde (März 1894), Maria (Januar 1896) und der 1899 kurz nach der Geburt verstorbenen jüngsten Tochter Lillie kommen im Laufe der nächsten anderthalb Jahrzehnte noch sechs weitere Kinder hinzu. Die wachsende Meute satt zu bekommen, dürfte Johann Christoph um einiges leichter fallen, als wenn er auf der kleinen Scholle seiner Vorfahren in Hemmelsberg geblieben wäre – allen Unbilden des für den Mittleren Westen der USA typischen Klimas zum Trotz. Tornados und schwere Gewitter stellen für die Ernte ebenso eine latente Bedrohung dar wie längere Trocken-Perioden oder Staubstürme. Immerhin, die gefürchtete und üblicherweise in riesigen Schwärmen auftretende Rocky-Mountain-Heuschrecke ist seit Ende der 1870er Jahre stark auf dem Rückzug, schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gilt sie als nahezu ausgestorben.

Im Mai 1902 heiratet Tochter Anna in Hooper den gebürtigen Tweelbäker Johann Gerhard Suhr. Ihr im Februar 1903 geborener Sohn Henry ist Johann Christophs erstes Enkelkind. Ende Juni 1905 stirbt Johann Christophs Mutter Catharina im Alter von 76 Jahren. Etwa zur gleichen Zeit erkrankt die zweitälteste Tochter Sophie schwer und mutmaßlich unheilbar, sie ist bei ihrem Tod im August 1907 erst 22 Jahre alt.

Den im August 1914 ausbrechenden Ersten Weltkrieg, in dem die USA zunächst neutral bleiben, dürfte Johann Christoph aufmerksam verfolgen. Über seine Haltung in diesem Konflikt lässt sich freilich nur spekulieren. Davon, dass ihm wie Millionen anderen Deutsch-Amerikanern spätestens mit dem Kriegseintritt der USA im Frühjahr 1917 eine gehörige Portion Misstrauen andersstämmiger Amerikaner entgegenschlägt, muss man jedoch ausgehen. Zusätzlich überschattet wird diese schwierige Zeit durch eine psychische Erkrankung des zweitältesten Sohnes Diedrich.

Als im November 1918 der Waffenstillstand von Compiègne den Schätzungen zufolge mehr als 17 Millionen Opfer fordernden Krieg endlich beendet, ist Johann Christoph 65 Jahre alt. Er übergibt seine Farm an Sohn George und zieht mit Ehefrau Catharine Sophie nach Scribner. Dort feiert das Paar im Juli 1929 mit vielen Freunden, Verwandten, Nachbarn und Bekannten Goldene Hochzeit.

Während Johann Christoph sich auch danach weiter guter Gesundheit erfreut, erkrankt Catharine Sophie an Diabetes; sie stirbt im Juni 1937. Danach wohnt Johann Christoph zunächst weiter in Scribner, wo ihm Tochter Johanne im Haushalt zur Hand geht. Zwei Jahre später kehrt er allerdings zu George und seiner Familie auf die Tönjes-Farm zurück, wo er seinen Lebensabend verbringt.

Johann Christoph stirbt am 8. Februar 1943 – nur wenige Tage nach dem Ende der Schlacht von Stalingrad, die im von den Nationalsozialisten entfesselten Zweiten Weltkrieg einen wichtigen Wendepunkt markiert. Beerdigt ist Johann Christoph vier Tage später auf dem Friedhof der Saint Paul Lutheran Church in Hooper.