Adeline Ahrens – Biographie

Marie Adeline Margarete Ahrens – Rufname Adeline – wird am 4. November 1865 als erstes Kind von Johann Hinrich Osterloh und Helene Osterloh in Pfahlhausen geboren. Sie ist die ältere Schwester von Anna Catharina Osterloh, Bernhard Heinrich Osterloh, Amalie Mathilde Bremermann, Georg Hermann Osterloh und Helene Katharine Tapken.

Eine Woche nach Adelines Geburt erhält Mary Edwards Walker als erste – und bis heute einzige – Frau die höchste militärische Auszeichnung der USA verliehen, die Medal of Honor. Präsident Andrew Johnson würdigt damit Walkers Einsatz als Chirurgin im Sezessionskrieg. Ihn hat die 1832 im Bundesstaat New York geborene Arzttochter von Anfang an begleitet: Schon in der Ersten Schlacht am Bull Run versorgte Walker als Freiwillige Verwundete in den eilig eingerichteten Lazaretten Washingtons. Trotz eines abgeschlossenen Medizin-Studiums verweigerte ihr die Nordstaaten-Armee aber zunächst eine offizielle Anstellung, diese erhielt sie erst zwei Jahre später. Im April 1864 geriet Walker in konföderierte Gefangenschaft und wurde vier Monate lang im für seine brutalen Wachen berüchtigten Lager Castle Thunder interniert. Nach ihrer Freilassung beaufsichtigte sie unter anderem das Hospital eines Frauengefängnisses in Kentucky und ein Waisenheim.

Mary Edwards Walker ist jedoch nicht nur durch ihren mit der Medal of Honor belohnten Einsatz im Bürgerkrieg in die Geschichtsbücher eingegangen. Als eine der ersten Frauen ihrer Zeit trägt sie konsequent Männerkleidung – zunächst die weite Hose der sogenannten Bloomer-Tracht unter dem Rock, später dann den vollständigen Herrenanzug mit Zylinder und Fliege. Das bringt ihr anfangs viel Spott ein, macht sie aber auch zu einem international beachteten Aushängeschild der Suffragetten-Bewegung. In dieser Funktion unternimmt Walker im Herbst 1866 eine fast zwölfmonatige, ausgesprochen erfolgreiche Vortragsreise durch Europa und tritt unter anderem zweimal in der Londoner St. James’s Hall auf. Vor einem bunt gemischten Publikum aus Wissenschaftlern, Medizinstudenten und Angehörigen des Bürgertums referiert sie über ihre Kriegserlebnisse, Reformkleidung sowie das Frauenwahlrecht und findet dabei durchaus offene Ohren.

Auch in den deutschen Königreichen und Fürstentümern werden die dem weiblichen Geschlecht traditionell vorenthaltenen Rechte in jenen Jahren ein Thema. So gründet sich im Oktober 1865 in Leipzig der Allgemeine Deutsche Frauenverein, der vor allem die Bildungschancen von Frauen verbessern will. Dasselbe Ziel verfolgen der Lette-Verein in Berlin und der 1867 von Ottilie Hoffmann, Marie Mindermann und Henny Sattler in Bremen ins Leben gerufene Frauen-Erwerbs- und Ausbildungsverein. Bis 1876 die Berliner Schriftstellerin Hedwig Dohm in ihrer Abhandlung „Der Frauen Natur und Recht“ ganz explizit auch das Frauenwahlrecht im 1871 ausgerufenen Deutschen Reich einfordert, vergehen allerdings noch einmal neun Jahre.

Zwar liegt Bremen von Adelines Geburtsort Pfahlhausen nur rund 30 Kilometer entfernt. Anders als die 1867 knapp 75.000 Einwohner zählende Hansestadt ist Pfahlhausen jedoch sehr ländlich geprägt, so dass das Thema Frauenrechte im Alltag vermutlich kaum eine Rolle spielt. Unter welchen Umständen Adeline dort während der Entstehungsphase des Deutschen Kaiserreichs ihre ersten Lebensjahre verbringt, lässt sich mehr als 150 Jahre später nur noch grob erahnen. Ihr im Juni 1869 in Pfahlhausen verstorbener Großvater Johann Berend Osterloh war Schneidermeister und Heuerling, für Vater Johann Hinrich findet sich in amtlichen Quellen der damaligen Zeit lediglich der Hinweis „Arbeiter“. Mutter Helene (allem Anschein nach wie im ausgehenden 19. Jahrhundert üblich ohne klassische Berufsausbildung) stammt aus Neuenkoop.

Noch vor Adelines Einschulung kommt es zu einem Ortswechsel. Irgendwann im Jahre 1870 kauft Johann Hinrich Osterloh in Hemmelsberg von Friedrich Heinrich Uhlhorn eine am heutigen Knutzenweg gelegene Brinksitzerei (heutige Eigentümerin: Angelika Suhrkamp). Der Umzug dorthin erfolgt mit Bruder Bernhard Heinrich, aber ohne Schwester Anna Catharina – sie ist im September 1869 wenige Monate vor ihrem zweiten Geburtstag verstorben. Am neuen Wohnort kommen 1873, 1875 und 1878 die drei jüngsten Geschwister zur Welt. Um die wachsende Familie über Wasser zu halten, arbeitet Johann Hinrich Osterloh in den ersten Hemmelsberger Jahren nebenbei noch als Heuermann, hilft also auf den benachbarten Höfen größerer Eigentümer aus.

Sehr wahrscheinlich von Frühjahr 1872 an besucht Adeline die Volksschule im Nachbarort Altmoorhausen. Dort erlebt sie gleich in ihrem ersten Jahr eine Tragödie: Eine Ruhr-Epidemie kostet im Herbst 1872 rund ein Dutzend Mitschüler und Mitschülerinnen sowie Schulleiter Johann Christian Bernhard Oxen das Leben. Ob auch Adeline sich ansteckt, ist nicht überliefert – angesichts der damals äußerst bescheidenen hygienischen Verhältnisse einer typischen Dorfschule wäre es aber wenig überraschend.

Ob Adeline nach Schulabschluss und Konfirmation zunächst weiter auf dem elterlichen Hof mithilft oder andernorts in Stellung geht, ist in der Familie nicht mehr bekannt. Durch welche besonderen Umstände sie ihren künftigen Ehemann Bernhard Ahrens aus Loyermoor kennenlernt, hingegen schon. Bernhards Onkel Hermann Ahrens – ein Bruder seines aus Munderloh stammenden Vaters Johann Diedrich Ahrens – ist mit Anna Catharine Neuhaus verheiratet, einer Schwester von Adelines Mutter. Auf deren Hof in Munderloh dürften die beiden jungen Leute des Öfteren zusammentreffen, zumal noch ein weiterer Umstand hinzukommt: Hermann und Anna Catharine sind kinderlos und haben sich mutmaßlich schon früh auf Bernhard als künftigen Hoferben festgelegt. Dieser wohnt also Ende der 1880er Jahre bereits nicht mehr in Loyermoor, sondern in Munderloh und damit nur wenige Kilometer von Adelines Elternhaus entfernt.

Adeline und Bernhard heiraten am 4. Juli 1890 in Kirchhatten. Nach der Hochzeit wird es auf dem zuvor recht stillen Ahrens-Hof schnell lebendig. Zwischen Oktober 1891 und April 1907 bringt Adeline mit Catharine, Helene (April 1893), Hermann (Mai 1895), Diedrich (April 1897), Heinrich (Dezember 1898), Bernhard Georg (Juni 1900), Adeline Johanne (April 1902), Emma (November 1904) und Georg insgesamt neun Kinder zur Welt. Nur fünf davon lernt Hermann Ahrens noch kennen, er stirbt Heiligabend 1898. Ehefrau Anna Catharine stirbt im März 1910, danach geht der Hof auf Bernhard über. Im September 1912 sterben innerhalb von zwei Wochen Adelines Eltern, der Hof in Hemmelsberg wird danach von ihrem jüngsten Bruder Georg Hermann fortgeführt.

In Munderloh bewirtschaften Adeline und Bernhard eine Fläche von etwas mehr als zehn Hektar, östlich der sandig-mageren Heideflächen Sandtanges und südlich der moorig-feuchten Gebiete von Altmoorhausen und Hemmelsberg. Auf einem Betrieb dieser Größe ist Kunstdünger zu Beginn des 20. Jahrhunderts oft noch unerschwinglich – die Bewirtschaftung bleibt entsprechend mühsam und erfordert die Mithilfe der ganzen Familie. Für Adeline kommt die für Frauen ihrer Generation ganz selbstverständlich allein auf ihren Schultern lastende Arbeit rund um Haushalt und Kindererziehung hinzu – selbstredend ohne Waschmaschine oder Schnellkochtopf und die heute selbstverständlichen Ruhepausen während und nach einer Schwangerschaft. Sich vorzustellen, dass ihr Tagwerk bei Sonnenaufgang beginnt und mit Sonnenuntergang meist noch nicht beendet ist, fällt deshalb nicht weiter schwer.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 macht Adelines Leben nicht leichter. Immerhin: Ehemann Bernhard, wenige Monate zuvor 48 Jahre alt geworden, bleibt von einer Teilnahme verschont. Für die vor 1900 geborenen Söhne gelten freilich andere Regeln, sie werden nach und nach zur kaiserlichen Armee einberufen. Einen von ihnen – Diedrich – kann Adeline nach Kriegsende im November 1918 nicht wieder in die Arme schließen: Er erkrankt während seines Einsatzes an der Ostfront an Diphtherie und stirbt am 25. Dezember 1916 nahe der heute zu Litauen gehörenden Stadt Kaunas.

Kaisersturz, Ausrufung der Republik, mehrere Putschversuche und die sich dramatisch verschlechternde Wirtschaftslage bis hin zur Hyperinflation – die folgenden Jahre fordern den von den Siegermächten als alleinige Kriegsschuldige gebrandmarkten und durch harte Friedensbedingungen unter Druck gesetzten Deutschen einiges ab. Auch in Munderloh. Dort dürfen Frauen nun zwar wie überall in Deutschland ihre Stimme an der Wahlurne abgeben. Dafür kosten im dorfeigenen Kramladen von Wilhelm Brüers zum Kauf angebotene Pfennig-Artikel wie ein Stück Hefe oder ein Hosenknopf im Herbst 1923 plötzlich Milliarden von Papiermark.

Die Einführung der Rentenmark im November 1923 setzt dem Spuk ein Ende, und von der Mitte des Jahrzehnts an überwiegen für Adeline die positiven Ereignisse. Etwa die Hochzeiten ihrer Kinder. Besonders in Erinnerung davon bleibt Adeline sicherlich die Vermählung des ältesten Sohnes Hermann mit Anna Meyer aus Munderloh am 4. November 1924 – findet sie doch an ihrem 59. Geburtstag statt. Da Hermann als Hoferbe gesetzt ist, sieht Adeline in den folgenden Jahren insgesamt fünf Enkelkinder (Heino, Helmut, Alida, Hermann Arnold und Theda) in allernächster Nähe aufwachsen. Doch auch die meisten übrigen von insgesamt 21 leben nicht weit weg. Etwa Hedwig, Anita und Hilde Meyer, die Kinder von Adelines jüngster Tochter Emma. Ihr Zuhause ist der weniger als zwei Kilometer entfernte Meyer-Hof in Altmoorhausen (heutige Eigentümer: Dietrich und Irmgard Schmidt), der überdies in direkter Nachbarschaft zum 1911 errichteten Hof von Adelines Bruder Bernhard Heinrich Osterloh (heute: Werner Osterloh) liegt.

Überschattet aus familiärer Sicht wird diese Phase vom plötzlichen Tod des Ehemanns. Bernhard Ahrens stirbt am 3. Januar 1933 im Alter von 66 Jahren – zu einem Zeitpunkt also, an dem die durch die Weltwirtschaftskrise begünstigte Machtübernahme der Nationalsozialisten unter Adolf Hitler unmittelbar bevorsteht. Sie führt sechs Jahre später in den 1945 mit einer totalen Niederlage endenden Zweiten Weltkrieg. Er reißt mindestens 60 Millionen Menschen in den Tod, darunter Adelines Enkelsohn Heino.

In Munderloh sind noch in den letzten Kriegswochen bei Rückzugsgefechten mehrere Höfe in Flammen aufgegangen. Allen Schwierigkeiten und Entbehrungen zum Trotz gelingt der Neustart jedoch insgesamt deutlich besser als nach dem Ersten Weltkrieg. Der Währungsreform vom Juni 1948 folgen die Gründung der Bundesrepublik Deutschland und die Jahre des Wirtschaftswunders, von dem anders als in den allenfalls nur an der Oberfläche „goldenen“ 20er-Jahren breite Bevölkerungsschichten profitieren. Der Ahrens-Hof, auf dem Adeline nach wie vor mit Sohn Hermann und Schwiegertochter Anna lebt, lässt sich dank zunehmender Mechanisierung der Landwirtschaft deutlich einfacher bewirtschaften als zu ihrer aktiven Zeit, und mit Enkelsohn Hermann Arnold – er heiratet im Juli 1958 Irmgard Holdorf aus Charlottendorf-West – steht bereits ein Nachfolger bereit.

Eine alles in allem versöhnliche letzte Lebensphase also, eingeläutet durch den bei guter Gesundheit gefeierten 90. Geburtstag im November 1955. Dass Adeline, wie die Oldenburger Nordwest-Zeitung zu ihrem Ehrentag schreibt, in neun Jahrzehnten noch nie einen Arzt benötigt hat, spricht für ihre robuste Konstitution, die sie schon als Schulkind die Ruhr-Epidemie von 1872 hat überstehen lassen. Daran ändert sich auch in den folgenden Jahren wenig. Möglicherweise hätte Adeline im November 1965 sogar noch ihren 100. Geburtstag im Kreis der Familie feiern können – wäre sie nicht eines winterlichen Tages im Jahre 1962 unglücklich gestürzt. Dabei zieht sie sich einen Oberschenkelhalsbruch zu, von dem sie sich nicht mehr erholt: Adeline stirbt am 25. Februar 1962 im Pius-Hospital in Oldenburg und wird fünf Tage später auf dem Neuen Friedhof in Kirchhatten beerdigt.