Karl Meyer – Biographie

Karl Meyer wird am 16. Juni 1909 als zehntes Kind von Gerhard Meyer und Adeline Meyer in Kühlingen geboren. Er ist der jüngere Bruder von Eilert Meyer, Hermann Meyer, Heinrich Meyer, Bernhard Meyer, Heinrich Meyer und Georg Hinrich Meyer und der ältere Bruder von Heinrich Hermann Meyer, Adolf Meyer, Mariechen Martha Meyer und Diedrich Meyer. Drei weitere Brüder kommen 1896, 1899 und 1905 tot zur Welt und bleiben deshalb namenlos. Mit Johann Hinrich Meyer und Louise Sophie Meyer hat er zudem noch zwei ältere Halbgeschwister aus der ersten Ehe seines Vaters mit Anna Margarethe Eilers.

Am Tag von Karls Geburt kommt der spätere US-Mehrkampf-Olympiasieger Jim Thorpe erstmals bei einem Baseball-Spiel der Rocky Mount Railroaders aus North Carolina zum Einsatz. Thorpe, in einem Indianer-Reservat in Oklahoma aufgewachsen, steigt als Pitcher schnell zum Stammspieler auf. Zwei Jahre später wechselt er zum American Football, wo er 1911 und 1912 mit der Mannschaft der Carlisle Indian Industrial School zahlreiche Erfolge feiert. Auch als Leichtathlet ist Thorpe aktiv. Bei den 1912 in Stockholm abgehaltenen Olympischen Spielen tritt er für die USA im Fünf- und Zehnkampf an und holt in beiden Disziplinen überlegen Gold. Im Hochsprung belegt er am Ende Rang 4, im Weitsprung Rang 7.

Bei seiner Rückkehr aus Stockholm wird Thorpe mit einer Konfettiparade am New Yorker Broadway gefeiert. Doch schon Anfang 1913 gerät er in die Mühlen der Sport-Bürokratie. Durch Zufall kommt an die Öffentlichkeit, dass er für seinen Einsatz bei den Rocky Mount Railroaders Geld bekommen hat. Das verstößt gegen die strikten Teilnahmebedingungen für Olympische Spiele, bei denen ausschließlich Amateure antreten dürfen. Daraufhin entziehen die Funktionäre des nationalen Amateursport-Verbandes Thorpe nachträglich diesen Status und fordern das Internationale Olympische Komitee auf, diesem Schritt zu folgen. Noch im selben Jahr muss Thorpe deshalb seine Medaillen zurückgeben.

Eine Entscheidung, die alles andere als regelkonform ist. Denn die Bestimmungen für die Olympischen Spiele 1912 enthielten den Passus, dass etwaige Proteste spätestens 30 Tage nach der Schlussfeier hätten vorgebracht werden müssen. Davon losgelöst kann von Gerechtigkeit und Chancengleichheit ebenfalls keine Rede sein. Auch zahlreiche andere Olympia-Teilnehmer nämlich standen im Vorfeld der Spiele als College-Studenten bei Profi-Teams unter Vertrag. Allerdings nutzten sie dafür ein Pseudonym – eine Möglichkeit, von der Thorpe aufgrund seiner Reservats-Herkunft sehr wahrscheinlich keine Kenntnis hatte. Letztlich fehlen ihm als in weiten Teilen des Alltagslebens benachteiligtem Ureinwohner Nordamerikas im heimischen Verband starke Fürsprecher, die sich hinter ihn stellen und seine Interessen vertreten. Immerhin: Dank des medialen Rummels um seine Person erhält Thorpe mehrere Angebote von Profi-Baseball-Teams, bei ihnen einzusteigen. Er entscheidet sich für den National-League-Meister New York Giants, wo er allerdings nur wenige Liga-Spiele bestreitet. Dafür ist Thorpe bei einer im Herbst 1913 gestarteten Welt-Tournee, bei der Gastspiele in Asien, Australien und Europa sowie eine Audienz bei Papst Pius X. in Rom auf dem Programm stehen, der unumschränkte Star.

In Karls Heimat, dem Großherzogtum Oldenburg, berichten die Zeitungen zwar über Thorpes Disqualifizierung, nicht jedoch über die Welt-Tournee der New York Giants – Baseball ist im Deutschen Reich kein Breitensport. Fußball übrigens auch noch nicht. Klare Nummer Eins unter den Sportarten ist das Turnen: Seit 1892 existiert in der Nähe von Kühlingen der Turnerbund Ganderkesee, 1905 kommt die der Arbeiterbewegung nahestehende „Freie Turnerschaft“ hinzu. In der Nachbarschaft gründen sich zudem 1911 die Turnerschaft Hoykenkamp und zwei Jahre später der Turnverein Immer.

Ob irgendjemand aus Karls Familie kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 in einem der genannten Vereine Mitglied ist, darüber lässt sich nur spekulieren. Sonderlich wahrscheinlich ist das jedoch nicht. Als Heuerleute dürften seine Eltern vollauf damit beschäftigt sein, den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder zu verdienen. Nebenbei arbeitet Vater Gerhard noch als Pflasterer und Straßenbauer. Nimmt er als Soldat am 1918 verlorenen Krieg teil? Auch das liegt heute im Dunkeln. Nichts bekannt ist ferner über Karls Schulzeit in der dorfeigenen Volksschule. Sie beginnt vermutlich 1916 und endet im Frühjahr 1924, also unmittelbar nach dem Höhepunkt der kriegsbedingten Hyperinflation.

Nach Schulabschluss und Konfirmation geht Karl bei einem Schuhmacher in Dötlingen in die Lehre, der ihm wie damals üblich freie Kost und Logis gewährt. Gemeinsam mit einem Gesellen zieht er dort von Hof zu Hof und repariert Schuhe und andere Lederwaren. Nach der Ausbildung bleibt Karl noch eine Weile in Dötlingen, wechselt dann aber Anfang der 1930er Jahre zu einem Schuhmachermeister nach Delmenhorst. Dort erlebt er die Anfänge der Weltwirtschaftskrise und den Zusammenbruch des Nordwolle-Konzerns. Wie überall in der taumelnden Weimarer Republik erhalten dadurch die Nationalsozialisten um Adolf Hitler starken Zuwachs. Im Januar 1933 ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg Hitler zum Reichskanzler – erste Station auf dem Weg in den NS-Staat.

Delmenhorst bleibt auch unter den neuen Machthabern eine typische Industriestadt, in der Karl sich nicht sonderlich wohlfühlt. Von einem Vertreter des Oldenburger Großhändlers Clemens Grave erfährt er, dass in Tweelbäke mangels Nachfolger eine kleine Schusterei (heutige Eigentümer des Gebäudes: Vanessa Linke und Hendrik Kreye) zur Verpachtung steht. Karl wittert eine günstige Gelegenheit, sich selbstständig zu machen, und bekommt auf Nachfrage prompt den Zuschlag.

Das neue Umfeld sagt Karl deutlich mehr zu. Schnell gewinnt er einige Stammkunden – die meisten davon aus den benachbarten Dörfern Hemmelsberg und Altmoorhausen. Das ermutigt ihn, den nächsten Schritt zu gehen und am Hartekamp in Hemmelsberg ein Wohnhaus mit angeschlossener Werkstatt zu bauen (heute: Erwin und Renate Meyer). Parallel zu den Bauarbeiten heiratet Karl am 3. Oktober 1936 seine langjährige Freundin Elisabeth Friese aus Bookhorn, die er bereits aus dem Konfirmandenunterricht kennt.

Mit der Geburt von Tochter Annemarie im Juni 1937 wird Karl zum ersten Mal Vater. Es ist das Jahr, in dem die deutsche Führung die Weichen nahezu unumkehrbar Richtung Krieg stellt. Während einer Besprechung in Berlin präsentiert Adolf Hitler den wichtigsten Vertretern der Wehrmacht am 5. November 1937 seine Pläne, „neuen Lebensraum“ zu erobern. Den Worten folgen rasch Taten: Im März 1938 marschiert die Wehrmacht in Österreich ein, im Oktober desselben Jahres ins zuvor gemäß Münchner Abkommen Deutschland zugestandene Sudetenland und im März 1939 – gegen sämtliche internationale Absprachen – in Tschechien. Der Überfall auf Polen am 1. September 1939 eröffnet dann den Zweiten Weltkrieg.

Für Karl beginnt der Krieg mit einer Aufforderung zur Musterung, der er in Hamburg nachkommt. Der militärischen Grundausbildung und der Geburt seines zweiten Kindes Gerold im Januar 1941 folgt ein Einsatz an der Ostfront. Dort gehört unter anderem der Kirchhatter Schuhmachermeister Walter Knipper zu seiner Einheit. Vermutlich schon im ersten Winter des Russland-Feldzugs zieht Karl sich schwere Erfrierungen am linken Fuß zu, die ihn untauglich machen für den weiteren Frontdienst. Nach einem Lazarett-Aufenthalt im sauerländischen Attendorn wird er ins besetzte Frankreich abkommandiert und bis zum Kriegsende beim Zollgrenzschutz Elsass eingesetzt.

Karl und sein ebenfalls in Frankreich eingesetzter Bruder Adolf überleben den Krieg, nicht jedoch der jüngste Bruder Diedrich. Zurück in Hemmelsberg, wird Karl im Dezember 1946 mit der Geburt des zweiten Sohnes Erwin noch ein letztes Mal Vater. Die Verhältnisse in den ersten Nachkriegsjahren sind beengt: Außer ihm, Ehefrau Elisabeth und den drei Kindern lebt noch seine inzwischen verwitwete Mutter Adeline mit im Haus. Hinzu kommen zeitweise familienfremde Personen wie Rosa Zimienski mit ihrer Tochter Renate und Else Guse mit Tochter Ilse.

Die schwierigen Zeiten bis zur Währungsreform von 1948 bekommt Karl auch beruflich zu spüren. Seine Selbständigkeit nimmt nach der kriegsbedingten Stilllegung des Betriebs nicht wieder richtig Fahrt auf, zumal er bedingt durch die in Russland erlittene Verletzung nur noch bedingt belastbar ist. Eine Weile lang hilft er beim Linteler Schuhmacher Heinrich Quitsch aus, später arbeitet er dann in der Werkstatt der Oldenburger OTA-Filiale. Den knapp 13 Kilometer langen Weg dorthin legt er jeden Tag mit dem Fahrrad zurück.

In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre nehmen Karls gesundheitliche Beschwerden weiter zu. Dennoch vergeht einige Zeit, bis er seine Ansprüche auf eine Beschädigtenrente durchsetzen kann. Nach der endgültigen Bewilligung findet er endlich etwas mehr Ruhe. An Beschäftigung mangelt es ihm trotzdem nicht – in Haus und Garten wartet immer Arbeit. Die sich allerdings auf immer weniger Köpfe verteilt: Mutter Adeline ist bereits im Januar 1955 verstorben, Tochter Annemarie (seit Januar 1960 mit Walter Tönjes aus Munderloh verheiratet) und auch der ältere Sohn Gerold (er heiratet im Mai 1960 Erika Schumacher aus Dingstede) haben kurz nacheinander den elterlichen Haushalt verlassen. Aus den beiden Ehen gehen für Karl und Elisabeth insgesamt neun Enkelkinder hervor.

Der jüngste Sohn Erwin heiratet im Juni 1972 Renate Böning aus Ahlhorn, bleibt aber im Elternhaus wohnen. Die Geburt des ersten Kindes aus dieser Ehe, Christian, erlebt Karl im Juni 1974 noch mit, nicht jedoch die des Bruders und insgesamt elften Enkelkindes Stefan im Juli 1977. Karls Ende kommt abrupt: Er stirbt am 25. Dezember 1976, als er beim gemeinsamen Mittagessen mit Elisabeth einen plötzlichen Herzstillstand erleidet. Beerdigt ist Karl vier Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.